Äthiopien wirft Eritrea in einem Brief an den UN-Sicherheitsrat Invasion vor
Eritrea spricht seinerseits von einem Angriffskrieg Äthiopiens. Wie viele eritreische Soldaten in Tigray stehen und wie weit sie vorgerückt sind, stützt sich bisher auf Regierungsangaben, Zeugen und anonyme Quellen.
Äthiopien hat Eritrea in einem Brief an den UN-Sicherheitsrat eine Invasion vorgeworfen und sich auf sein Recht zur Selbstverteidigung berufen. Außenminister Gedion Timothewos datierte das Schreiben auf Donnerstag, den 8. Oktober. Reuters (über Straits Times) bekam es am Freitag von einem hohen äthiopischen Regierungsvertreter; es richtet sich an den französischen Außenminister Jean-Noël Barrot und ging nach Angaben dieses Vertreters auch an die übrigen Ratsmitglieder. Betroffen sind die Bewohner Tigrays, wo seit dem 23. September gekämpft wird, und die Nachbarstaaten am Horn von Afrika. Stand dieses Textes ist Samstag, der 10. Oktober 2026, 10 Uhr.
Nach dem Brief sind eritreische Truppen, darunter mechanisierte Einheiten, bis zu 60 Kilometer weit nach Äthiopien vorgedrungen; das sei ein Akt der Aggression, der das Selbstverteidigungsrecht auslöse. Das ist die Darstellung der äthiopischen Regierung. Eritreas Informationsminister Yemane Gebremeskel erwiderte am Freitag auf X, Äthiopiens Führung betreibe seit mehr als drei Jahren faktisch einen Angriffskrieg ohne Anlass gegen Eritrea, und Asmara habe sich zurückgehalten, seit Äthiopien mit der Ankündigung von 2023, einen Zugang zum Meer zu erlangen, im Grunde den Krieg erklärt habe. Er warf Addis Abeba nach Reuters vor, den Konflikt zu nutzen, um den Hafen Assab zu nehmen. Seine Mitteilung ging laut Reuters nicht auf die Frage ein, ob eritreische Truppen in Äthiopien stehen. Eritrea bestreitet, das Rebellenbündnis zu unterstützen.
Der frühere Artikel schildert die Rückeroberung Mekelles, den Abbruch der Beziehungen am 1. Oktober, die El-Alamein-Erklärung vom 4. Oktober und Abiys Vereidigung. Dieser Text beginnt am 7. Oktober.
Am Mittwoch, dem 7. Oktober, sahen mindestens zwei Zeugen nach Reuters (über Al Jazeera) mehrere Dutzend Soldaten in zwei Lastwagen durch Adigrat fahren, eine Stadt etwa 25 Kilometer südlich der eritreischen Grenze. Sie erkannten sie an hellen Tarnuniformen als Eritreer; die Agentur konnte das nicht unabhängig prüfen. Nach Reuters (über Straits Times) war es die erste Bestätigung eritreischer Kräfte im Norden Äthiopiens seit Beginn der Kämpfe. Der Kommandeur der regierungsnahen Tigray Peace Force sagte der Agentur, die eritreische Armee sei mit schwerem Gerät eingerückt und werde von Drohnen getroffen. Yemane nannte die Berichte über einen eritreischen Vorstoß nach Reuters Teil eines äthiopischen Plans, einen Angriffskrieg zu rechtfertigen. Am selben Tag warf nach Il Sole 24 Ore, das sich auf ein Gespräch mit Bloomberg beruft, Kommunikationsminister Enatalem Melese eritreischen Kräften vor, in Tigray zu operieren, und forderte ihren Abzug ohne Verzug.
Am Mittwoch und Donnerstag trafen Drohnenangriffe, die Reuters zufolge mutmaßlich Äthiopiens Armee flog, eritreische Militärfahrzeuge nahe Adigrat. Das meldete die US-Beobachtungsstelle ACLED. Nach ACLED waren die Eritreer am Mittwoch über die Grenze gekommen, dutzende Kilometer vorgedrungen und zogen sich unter den Schlägen zurück. Ein Diplomat und ein Konfliktexperte, die mit beiden Seiten in Kontakt stehen, sagten Reuters, unklar sei, ob sie Äthiopien verlassen oder sich im Land neu aufstellen. Ein ranghoher äthiopischer Beamter nannte der Agentur unter der Bedingung der Anonymität eine mechanisierte Division und drei Infanteriedivisionen mit je etwa 1.500 Soldaten; Reuters konnte das nicht prüfen. Die Agentur AFP zitiert eine ausländische Sicherheitsquelle, ebenfalls anonym, die 5.000 bis 8.000 eritreische Soldaten in Tigray schätzt. Beide Zahlen stammen von ungenannten Quellen.
Einwohner von Adigrat berichteten der BBC von Lastwagenkolonnen mit eritreischen Soldaten Richtung Edaga Hamus; der Sender konnte die Truppenbewegungen nicht unabhängig bestätigen. Das Institut Critical Threats Project (CTP) hält in seinem Lagebericht vom 9. Oktober einen eritreischen Vorstoß bis Adigrat und den Rückzug nach Norden am 8. Oktober für teilweise belegt, aber nicht für voll bestätigt. Seine Einschätzung vom 8. Oktober nennt den Vorstoß wahrscheinlich begrenzt und womöglich bereits beendet.
Zum Frontverlauf berichtet CTP, äthiopische Streitkräfte und die Tigray Peace Force hätten Wukro am 7. Oktober genommen, bis zum Stadtrand von Adigrat vorgestoßen und Abiy Addi erobert. Die Aufständischen hätten Shire verlassen, die Regierungskräfte seien am 8. Oktober mit geringem Widerstand eingerückt. Dem widerspricht der AFP-Bericht vom Freitag: Ein Helfer in Shire sagte der Agentur, Kämpfer der Volksbefreiungsfront von Tigray (TPLF) und die Lokalverwaltung seien am Mittwoch abgezogen, regierungstreue Kräfte aber noch nicht eingetroffen; Plünderer seien aktiv, bei einem Schusswechsel seien vier Menschen getötet und elf verletzt worden. Nach AFP-Zeugen verloren die Rebellen Shire und Adigrat; ein Vertreter einer abtrünnigen TPLF-Fraktion sagte der Agentur, sie zögen sich nach Sheraro nahe der eritreischen Grenze zurück. Die Fluggesellschaft Ethiopian Airlines will laut Reuters ab dem 11. Oktober wieder nach Mekelle fliegen.
Auf äthiopischer Seite sagte der Regierungsvertreter Abraham Belay dem Sender Fana nach der BBC, die eritreische Armee habe mit voller Kraft und Logistik teilgenommen; die Vergeltung werde doppelt ausfallen. Premier Abiy forderte am 7. Oktober nach CTP Eritrea auf, die Rebellen nicht länger zu bewaffnen; Äthiopien wolle keinen Krieg, der Ausgang sei aber entschieden, falls das Land zum Handeln gezwungen werde. Der Regionalexperte Kjetil Tronvoll sagte AFP, er glaube nicht, dass Abiy an der Grenze haltmache.
Der UN-Generalsekretär ließ am Freitag durch seinen Sprecher erklären, er sei sehr besorgt über die Kämpfe in Tigray, Afar und Amhara und fordere ein sofortiges Ende der Feindseligkeiten. Nach Anadolu äußerte er sich auch besorgt über Berichte, eritreische Streitkräfte seien in Äthiopien; er erinnerte die Staaten der Region an das Gewaltverbot der UN-Charta und bot seine guten Dienste an. Gedion forderte am Donnerstag bei einem Treffen mit der stellvertretenden UN-Generalsekretärin Amina J. Mohammed laut äthiopischem Außenministerium, über das Reuters berichtet, den sofortigen Abzug der eritreischen Kräfte. Nach dem Monatsausblick des Security Council Report sollten die Ratsmitglieder im Oktober in geschlossenen Konsultationen über das Horn von Afrika beraten, mit einer Unterrichtung durch einen Vertreter der UN-Hauptabteilung für Politische und Friedenskonsolidierungsangelegenheiten. Ob sie stattfanden oder der Rat auf den Brief reagierte, konnte die Redaktion nicht belegen.
Die Europäische Union zeigte sich am 5. Oktober in einer Erklärung der Hohen Vertreterin alarmiert über Spannungen besonders zwischen Äthiopien und Eritrea und rief externe Akteure auf, sich nicht einzumischen. Die Kommission der Afrikanischen Union hatte am 1. Oktober Äthiopien, Eritrea und Ägypten zur Zurückhaltung aufgerufen. Am 4. Oktober erklärte sie nach Anmerkungen Ägyptens in einer Klarstellung, sie habe damit keinem Nachbarstaat die Verantwortung zuweisen wollen. Die Afrikanische Kommission für Menschenrechte und Rechte der Völker rief in einer am 8. Oktober auf ihrer Website eingestellten Erklärung alle Parteien auf, das Abkommen von Pretoria einzuhalten.
Die vier Staaten von El Alamein einigten sich laut dem Wortlaut der ägyptischen Präsidentschaft auf einen Mechanismus, der die Ergebnisse des Gipfels regelmäßig und bei Bedarf nachverfolgen soll. Äthiopien wird auch dort nicht genannt.
Offen ist, wo sich die TPLF-Führung aufhält. Nach CTP berichtete das äthiopische Portal Borkena unter Berufung auf ein der Tigray Peace Force nahestehendes Medium, Debretsion Gebremichael und vier weitere Führer seien nach Eritrea gegangen; laut Borkena bestritt das ein TPLF-nahes Medium. Die Beobachtungsstelle ACLED verortete TPLF-Führer am 7. Oktober im Bezirk Ahferom in Tigray. CTP spricht von widersprüchlichen Berichten.