IEEFA: EU-Gasspeicher auf Rekordtief für Anfang Oktober
Das Institut hält es für möglich, dass die EU im Winter sieben Prozent weniger Gas verbrauchen muss, und beziffert die Lücke auf 14 Milliarden Kubikmeter. Die Netzbetreiber rechnen in ihren Szenarien anders, die Kommission hält das System für ausreichend flexibel. Hinzu kommen der Iran-Krieg und das Ende russischer LNG-Altverträge am 1. Januar 2027.
Die Gasspeicher der Europäischen Union waren am 3. Oktober 2026 zu 72,4 Prozent gefüllt, für diesen Zeitpunkt der niedrigste Stand seit Beginn der Aufzeichnung im Jahr 2011. Das schreibt das Institute for Energy Economics and Financial Analysis (IEEFA) in einer Analyse vom 9. Oktober. Das Institut, eine US-amerikanische gemeinnützige Denkfabrik, hält es für möglich, dass die EU im Winter 2026/27 sieben Prozent weniger Gas verbrauchen muss als im Vorjahr, wenn sie die Lücke nicht mit zusätzlichen Importen schließt. Betroffen wären Haushalte, Industrie und Stromerzeuger, die Gas zum Heizen, für Prozesse und zur Stromerzeugung nutzen.
Das Institut nennt zwei Faktoren. Die Speicher könnten von November bis März 7,3 Milliarden Kubikmeter weniger Gas liefern als im vergangenen Winter. Zusammen mit dem vollständigen Importverbot für russisches Flüssigerdgas (LNG) ab Januar 2027 könne der Bedarf um sieben Prozent oder 14 Milliarden Kubikmeter sinken müssen. Das IEEFA schreibt zugleich ausdrücklich, das heiße nicht, dass die Speicher in diesem Winter leerlaufen. Leerere Speicher gäben Gas aber langsamer ab, was einen Kälteeinbruch im Spätwinter schwerer beherrschbar mache.
Die Lücke schließen ließe sich nach der IEEFA-Schätzung auch mit Importen, für etwa drei Milliarden Euro. Das wären 12 Prozent mehr, als dieselbe Menge 2025 gekostet hätte, weil der Krieg zwischen den USA und Iran die Preise treibt. Das Institut führt die späte Füllung auf die Preise zurück: Der Preisabstand zwischen Sommer- und Winterkontrakten, von dem Händler früher lebten, war in diesem Jahr zeitweise negativ, weil Sommerlieferungen teurer gehandelt wurden als Winterlieferungen. Die Einspeisung von April bis Juni 2026 lag 16 Prozent unter der des Vorjahres.
Der europäische Verband der Fernleitungsnetzbetreiber, ENTSOG, hat am 8. Oktober seinen Winter Supply Outlook 2026/27 vorgelegt. Danach waren die Speicher am 1. Oktober im Durchschnitt zu 72 Prozent gefüllt, entsprechend 811 Terawattstunden oder etwa 74 Milliarden Kubikmetern. Ein Jahr zuvor waren es 83 Prozent oder etwa 85 Milliarden Kubikmeter. ENTSOG schreibt zugleich, der Stand entspreche in etwa dem zu Beginn des Winters 2021/22 und liege unter dem der jüngeren Winter; die Aussage des IEEFA, es sei der niedrigste Wert seit 2011, stammt vom Institut. Nach vorläufigen Werten der Datenbank AGSI+, die gas-risiko.de wiedergibt, lag der EU-Durchschnitt am 8. Oktober bei 73,3 Prozent, in Deutschland bei 59,6 Prozent. Bei normalem Winterverbrauch (Referenzwinter der Netzbetreiber) und minimiertem russischem Pipelinegas lässt sich der Bedarf nach ENTSOG decken; die Speicher enden dann am 31. März 2027 bei 29 Prozent, wenn genügend LNG ankommt, und bei 13 Prozent, wenn das LNG-Angebot knapp bleibt.
In einem kalten Winter sieht ENTSOG Lücken. Bei einem LNG-Angebot wie in früheren Jahren (Szenario Optimal) sieht der Verband einen Bedarf an Verbrauchsreduktion oder möglicherweise ungedeckte Nachfrage von etwa sieben Prozent des Kaltwinterbedarfs, rund 22 Milliarden Kubikmeter. Bei knappem LNG steigt der Wert auf rund zwölf Prozent oder etwa 40 Milliarden Kubikmeter. In beiden Fällen fallen die Speicher auf 11 Prozent. Fiele zusätzlich der Rest des russischen Pipelinegases aus, wären es neun Prozent bei Optimal und 15 Prozent bei knappem LNG. Die Sieben aus dem ENTSOG-Szenario und die Sieben des IEEFA beruhen damit auf verschiedenen Annahmen und sind nicht dieselbe Zahl: Das Institut vergleicht mit dem Vorwinter, der Verband rechnet mit einem Kaltwinter-Szenario.
Politico berichtet über beide Papiere als drohenden Engpass und schreibt, das IEEFA sehe eine Gesamtlücke von bis zu 14 Milliarden Kubikmetern, etwa sieben Prozent der Nachfrage. Nach Politico kommen zu den rund sieben Milliarden weniger Speichergas weitere sieben Milliarden Kubikmeter weniger Importe durch das Verbot russischer LNG-Verträge hinzu; diese Aufteilung steht in der Webfassung der IEEFA-Veröffentlichung nicht. Das IEEFA spricht dort von einer möglichen Nachfragesenkung, nicht von einem festgestellten Defizit. Euronews schreibt, die Netzbetreiber hätten vor einem Fehlbetrag von bis zu 15 Prozent gewarnt; im ENTSOG-Bericht ist das der Wert für den Kaltwinter bei knappem LNG und vollständigem Ausfall des russischen Pipelinegases.
Die Europäische Kommission bewertet den ENTSOG-Bericht nüchterner. In ihrer Mitteilung vom 8. Oktober nach der Sitzung der Gas Coordination Group schreibt die Generaldirektion Energie, die Speicherstände lägen unter dem historischen Niveau, das System sei aber flexibel genug, um die Nachfrage in diesem Winter zu decken. Die Infrastruktur könne höhere LNG-Einfuhren verkraften und niedrigere Speicherstände ausgleichen. Ob LNG importiert oder Gas aus den Speichern entnommen werde, entscheide am Ende der Markt. Die Lage unterscheide sich deutlich vom Winter 2021/22. Die Kommission stellte in der Sitzung zudem die Vorbereitung auf das Ende der russischen LNG-Langfristverträge zu Jahresbeginn vor.
Rechtsgrundlage ist die Verordnung (EU) 2026/261 vom 26. Januar 2026. Sie verbietet den Import von russischem LNG. Kurzfristverträge liefen nach ihr bis zum 25. April 2026 weiter, für Importe aus Langfristverträgen, die vor dem 17. Juni 2025 geschlossen und seither nicht geändert wurden, gilt das Verbot ab dem 1. Januar 2027. Nach der Verordnung kann die Kommission das Verbot für einzelne Mitgliedstaaten befristet aussetzen, wenn dort ein Versorgungsnotstand nach der Verordnung (EU) 2017/1938 ausgerufen ist; die Aussetzung darf höchstens vier Wochen dauern und nur verlängert werden, solange der Notstand fortbesteht. Dass ein solcher Notstand ausgerufen wäre, berichtet keine der genannten Quellen.
Der Krieg im Nahen Osten wirkt nach ENTSOG vor allem über die Straße von Hormus, durch die etwa 20 Prozent des weltweiten LNG-Handels laufen. Die Durchfahrt sei weiterhin stark eingeschränkt, was Ausfuhren aus Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten begrenze und den Wettbewerb zwischen Europa und Asien um Ladungen verschärfe. Katar stand 2025 für rund 8 Prozent der LNG-Einfuhren der EU, die direkte Abhängigkeit ist also gering. Euronews nennt für den niederländischen TTF-Terminkontrakt, den europäischen Richtwert, 84,5 Euro je Megawattstunde Mitte September, den höchsten Stand seit 2022, und etwa 78 Euro am Morgen des 9. Oktober. Iran verknüpft die Öffnung der Meerenge mit sieben Bedingungen; die G7 haben am 2. Oktober vereinbart, 100 Millionen Barrel Diesel und Rohöl aus Reserven auf den Markt zu bringen. Das betrifft Öl, nicht Gas. In Deutschland gilt für Benzin und Diesel bis Jahresende ein abgesenkter Energiesteuersatz; die Sätze für Erdgas bleiben dort unverändert.
Mehrere Regierungen stützen die Speicherfüllung. Nach dem IEEFA genehmigten die Niederlande im Juni bis zu 993 Millionen Euro für die staatliche EBN Capital. Die Bundesregierung wies Ende September den staatlichen Importeur SEFE an, bis zum 15. Dezember 8 Terawattstunden Gas einzulagern, etwa drei Prozent der deutschen Speicherkapazität. Spanien erhöhte die LNG-Bestände seiner Terminals um mehr als ein Viertel. Die Kommission hatte den Mitgliedstaaten im März nahegelegt, ihr Füllziel von 90 auf 80 Prozent zu senken; das berichten Euronews und Politico nach einem Brief von Energiekommissar Dan Jørgensen.
Politico führt auch eine abweichende Einschätzung an. Der Analyst Laurent Ruseckas von S&P Global Energy hält die Speicher nur begrenzt für entleerbar: Ein schneller Abbau früh im Winter treibe die Preise und ziehe LNG-Ladungen aus Asien nach Europa. Viel Nachfrage sei in Europa nicht mehr zu vernichten, da der Krieg in der Ukraine schon 20 Prozent der industriellen Nachfrage beseitigt habe, die nicht zurückgekehrt sei. Das IEEFA wiederum empfiehlt, statt in mehr Speicher in Wärmepumpen, Gebäudeeffizienz und Elektrifizierung der Industrie zu investieren; Euronews beschreibt die Organisation als Befürworterin einer Hinwendung zu sauberer Energie.
Der nächste Termin ist der 1. Januar 2027, an dem die Ausnahme für russische LNG-Langfristverträge endet. Für den Sommer 2027 rechnet ENTSOG bei knappem LNG damit, dass die Speicher nur 65 Prozent statt der angestrebten 90 Prozent erreichen.