Samstag, 10. Oktober 2026


Außenlage

Geopolitik

Ein Jahr Waffenruhe in Gaza: Tödliche Angriffe halten an, Wiederaufbau steht aus

Die Zahl der Toten seit dem 10. Oktober 2025 hängt davon ab, welche Quelle zu welchem Stichtag zählt. Auch beim Gebiet unter israelischer Kontrolle liegen die Angaben zwischen 60 und 70 Prozent, und weder Entwaffnung der Hamas noch israelischer Rückzug sind in Gang gekommen.

Ein Jahr nach Beginn der Waffenruhe im Gazastreifen am 10. Oktober 2025 werden dort weiter fast täglich Menschen bei israelischen Angriffen getötet. Das Gesundheitsministerium in Gaza, das der Hamas untersteht, nannte am 10. Oktober nach Al Jazeera mindestens 1.481 Tote seit Inkrafttreten der Waffenruhe. Betroffen sind rund 2,1 Millionen Menschen (Angabe von Human Rights Watch), für die nach dem UN-Büro OCHA nur etwa 35 Prozent des Küstenstreifens ohne Zugangsbeschränkungen bleiben. Wiederaufbau, Entwaffnung der Hamas und israelischer Rückzug haben nach Berichten von AFP und BBC nicht begonnen.

Die Waffenruhe selbst hält in einem engen Sinn. Nach AFP ließ die Hamas drei Tage nach der Ankündigung die 20 noch lebenden Geiseln frei, die Hamas hat seither keine Raketenangriffe auf Israel verübt, und Israel hat die Intensität seiner Angriffe verringert, schlägt aber fast täglich zu. Zu den Angriffen vom 10. Oktober sagte Israels Armee nach AP, sie habe Kämpfer der Hamas und des Islamischen Dschihad ins Visier genommen. Die BBC berichtet, Israel werfe der Hamas fortgesetzte Verstöße vor, und nennt mindestens sieben seit der Waffenruhe getötete israelische Soldaten in Gaza.

Zur Zahl der Toten kursieren mehrere Werte, die alle auf Angaben des Gesundheitsministeriums zurückgehen und sich vor allem im Stichtag und in der Rundung unterscheiden. Human Rights Watch nennt in ihrer Erklärung vom 10. Oktober mindestens 1.400 Tote und 4.881 Verletzte. Das UN-Büro für humanitäre Angelegenheiten (OCHA) führt im Lagebericht vom 2. Oktober 1.431 Tote und 5.026 Verletzte nach Ministeriumsangaben bis zum 30. September; darin sind 81 Todesfälle enthalten, die nachträglich nach Prüfung der Identitätsdaten hinzukamen. AFP schreibt von rund 1.450 Toten, AP von mehr als 1.480, Al Jazeera meldet für den 10. Oktober 1.481 Tote und 5.254 Verletzte. Die Hamas selbst sprach in ihrer Erklärung zum 7. Oktober nach dem Bericht des Palestinian Information Center von etwa 1.500 Toten und mehr als 5.000 Verletzten. AFP und BBC verweisen darauf, dass die UN die Zahlen des Ministeriums für belastbar halten; nach der BBC zählt das Ministerium unter den Toten seit der Waffenruhe mehr als 300 Kinder.

Strittig ist auch, wie viel von Gaza Israel kontrolliert. Der US-Plan sah vor, dass sich Israels Truppen zunächst auf eine vereinbarte Linie zurückziehen und später schrittweise abziehen, abhängig von Meilensteinen der Entmilitarisierung, bis auf eine Sicherheitszone. Eine Prozentzahl nennt der Plantext in Anlage 1 der UN-Resolution 2803 nicht. OCHA beziffert die „Gelbe Linie“ in einem Bericht vom Juni auf etwa 53 Prozent des Streifens. Nach AFP kontrolliert Israel inzwischen etwa 70 Prozent, gestützt auf offizielle Angaben. Human Rights Watch kommt auf rund 64 Prozent innerhalb der Linie, OCHA meldet am 2. Oktober Zugangsbeschränkungen für 65 Prozent des Territoriums. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu sagte bei einem Besuch an der Linie am 2. September laut JNS, Israel kontrolliere 60 Prozent des Streifens: „We control the territory. We are not withdrawing. We are staying on this line.“ Verteidigungsminister Israel Katz sprach nach Ynet davon, dass etwa 70 Prozent des Gebiets praktisch menschenleer seien und die Hamas nur in einem Gebiet von „30-something percent“ fortbestehe. Nach der BBC wies Netanjahu im Mai die Armee an, das kontrollierte Gebiet auf 70 Prozent auszuweiten. Der Armeesprecher bezeichnete die Truppenlinie am 10. Oktober 2025 als Vorwärtsverteidigungslinie. Die Angaben messen nicht dasselbe und sind nicht ohne Weiteres vergleichbar: Sie beziehen sich teils auf die Truppenlinie, teils auf Zugangsbeschränkungen, teils auf Aussagen israelischer Politiker.

Die zweite Phase, die einen politischen Übergang weg von der Hamas bringen sollte, ist nach AFP nur in Teilen angelaufen. Die Hamas erklärte im Juli, ihr Regierungsorgan aufzulösen; das neue Nationale Komitee zur Verwaltung Gazas unter dem Technokraten Ali Schaath hält sich laut AFP im Hintergrund, und die Hamas bleibt faktisch für die Sicherheit zuständig. Ende Juli einigten sich die Hamas und der von Donald Trump geführte „Board of Peace“ nach Al Jazeera auf ein Dokument zur Entwaffnung. Hamas-Vertreter Ghazi Hamad sagte dem Sender, die Hamas werde nichts umsetzen, solange Israel seine Pflichten nicht erfülle; Entwaffnung hänge an Rückzug und Wiederaufbau. Der Gaza-Beauftragte Nickolay Mladenov schrieb auf X, der Rückzug müsse im Gleichschritt mit der Außerdienststellung der Waffen erfolgen. Die BBC gibt einen Bericht der Times of Israel wieder, wonach ein israelisches Büro erklärte, der Vorschlag erfülle Israels Forderungen nicht. Nach einem späteren BBC-Bericht lehnte Netanjahu im August den Plan ab und sagte, ohne echte Entwaffnung der Hamas werde das Militär nicht abziehen. Nach AFP hat die Hamas die Entwaffnung nicht begonnen, und Israel hat nicht mit einem Rückzug begonnen.

Beim Wiederaufbau sind Zusagen und Wirklichkeit weit auseinander. Nach Human Rights Watch beziffern EU und UN den Bedarf auf 71,4 Milliarden US-Dollar in zehn Jahren. Der Board of Peace legte am 23. September nach Human Rights Watch ein Sechsmonatsprogramm vor, das beginnen soll, sobald Geld und Zugang es zulassen; AFP nennt 2,45 Milliarden Dollar. Trump hatte im Januar nach AFP zehn Milliarden Dollar an US-Mitteln zugesagt, doch sei nicht bekannt, dass Geld für den Wiederaufbau in Gaza angekommen sei. Die BBC führt den Stillstand auf die Blockade der zweiten Phase zurück und darauf, dass Israel Material und Maschinen streng kontrolliert, was es mit eigener Sicherheit begründe. Laut OCHA fehlen Ersatzteile und Ausrüstung selbst für Wasser- und Abfallversorgung: 74 Prozent der Bevölkerung sind auf Trinkwasser per Tankwagen angewiesen, und Finanzlücken verringern ab Oktober Mahlzeiten und Lebensmittelpakete.

Hinzu kommt die politische Debatte um die Zukunft der Bewohner. Human Rights Watch verweist auf einen im September von Itamar Ben-Gvir vorgelegten „710 Disengagement Plan“ zur Entvölkerung Gazas binnen sieben Jahren. Katz sagte nach Ynet, Trump habe Pläne zur Ausreise von Palästinensern eingefroren, aber nicht gestrichen. Der US-Plan selbst sieht in Punkt 12 vor, dass niemand gezwungen wird, Gaza zu verlassen. Human Rights Watch wirft Israel Völkermord und Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor; eine Stellungnahme der israelischen Regierung dazu lag in den geprüften Quellen nicht vor. Netanjahus Rede zum Jahrestag des 7. Oktober behandelt der Artikel Netanjahu schließt Hamas-Herrschaft in Gaza aus; hier geht es um die Lage ein Jahr nach der Waffenruhe.

Die Bilanz hängt damit an der Frage, wer zuerst liefert. Die Hamas macht Entwaffnung vom Rückzug abhängig, Israel den Rückzug von verifizierter Entwaffnung, und ein US-Beamter verwies nach der BBC im Juli darauf, dass Israel den 20-Punkte-Plan ursprünglich akzeptiert habe. Solange keine Seite den ersten Schritt tut, bleibt es bei einer Waffenruhe, die den Krieg in seiner alten Form beendet hat, aber Wiederaufbau und politischen Übergang bislang schuldig bleibt. Viele der Angaben stammen von den Konfliktparteien oder ihren Stellen und lassen sich von außen nur eingeschränkt prüfen.