Sonntag, 4. Oktober 2026


Deutschland

Tausende demonstrieren in Berlin und Stuttgart gegen Wehrpflicht

Am Tag der Deutschen Einheit zählt die Berliner Polizei rund 5.800 Teilnehmer, die Veranstalter mehr als 20.000. In Stuttgart betritt ein vermummter Mann die Bühne, die Polizei setzt Pfefferspray ein.

Am 3. Oktober 2026 sind in Berlin und Stuttgart Tausende gegen militärische Aufrüstung und eine mögliche Wehrpflicht auf die Straße gegangen. Die Berliner Polizei sprach am Nachmittag nach n-tv und der Süddeutschen Zeitung von rund 5.800 Teilnehmern, die Organisatoren von mehr als 20.000 Demonstrierenden in der Hauptstadt.

Unter dem Motto „Nein zu Hochrüstung, Wehrpflicht und Krieg! – Für Frieden, demokratische Rechte und soziale Sicherheit“ hatte nach der Süddeutschen Zeitung ein Aktionsbündnis aus mehreren Initiativen aufgerufen. Der Zug ging vom Brandenburger Tor durch Mitte, die Abschlusskundgebung war erneut vor dem Tor geplant. Zeitgleich versammelten sich in Stuttgart Demonstranten auf dem Schlossplatz.

Der rbb zitiert aus dem Aufruf die Kritik an höheren Rüstungsausgaben und an der Wehrpflicht sowie die Forderung nach „einer gemeinsamen Friedensordnung in Europa unter Einschluss Russlands“. Der Tagesspiegel schreibt, die Organisatorenzahl von mehr als 20.000 sei nach Einschätzung eines eigenen Reporters vor Ort etwas zu hoch gegriffen gewesen. Im Zug seien Fahnen von Gewerkschaften, Friedensinitiativen, vielfach vom BSW, teilweise von der Linken, ferner der DKP und der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend zu sehen gewesen, dazu ein großer Block von Palästina-Unterstützern. Sören Pellmann, Co-Fraktionsvorsitzender der Linken im Bundestag, sagte dort laut Tagesspiegel: „Uns steht ein sozialer Kahlschlag, wie wir ihn noch nicht erlebt haben, ins Haus.“ „Milliarden fürs Militär“ seien der Grund dafür.

Schon am Freitag hatten nach n-tv mehrere Tausend vornehmlich junge Menschen vor dem Brandenburger Tor gegen eine mögliche Wehrpflicht protestiert. Auf der Bühne der Veranstalter trat am Abend die Berliner Hip-Hop-Gruppe K.I.Z. auf. Der Tagesspiegel nennt für diesen Freitag rund 3.000 Teilnehmer.

In Stuttgart sprachen die Organisatoren nach n-tv von rund 15.000 Teilnehmern. Die Badische Zeitung übernimmt die dpa mit der Angabe, angemeldet gewesen seien rund 10.000, die Veranstalter hätten in einer Pressemitteilung 15.000 genannt. Ein dpa-Reporter sah nach n-tv und der Badischen Zeitung auf dem Schlossplatz Menschen im unteren bis mittleren Tausender-Bereich. Die Polizei sprach nach der dpa von Tausenden.

Zu der Stuttgarter Veranstaltung hatte nach der dpa ein Bündnis aus rund 300 Organisationen aufgerufen, darunter Friedensgruppen, die Deutsch-Palästinensische Gesellschaft, das Bündnis gegen Wehrpflicht und vereinzelte Ortsgruppen der Gewerkschaft Verdi. Der SWR nennt als Aufrufer das „Aktionsbündnis 3. Oktober 2026“. Zu den Forderungen zählten nach n-tv ein Stopp aller Wirtschaftssanktionen und Waffenlieferungen und stattdessen höhere Ausgaben im Sozialbereich. Die dpa nennt zusätzlich die Schließung aller US-Militärstützpunkte in Deutschland und den Abzug der US-Atomwaffen.

Unter den Rednern in Stuttgart waren nach n-tv Özlem Alev Demirel, stellvertretende Parteivorsitzende der Linken, und Sevim Dagdelen, frühere Bundestagsabgeordnete und Mitglied des BSW-Bundesvorstands. Es gab ein Video-Grußwort von Margot Käßmann, der früheren Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland.

Dagdelens Rede wurde von Sprechchören gestört, die Polizei verstärkte ihre Kräfte an der Rednerbühne. Ein vermummter Mann betrat die Bühne, während Dagdelen sprach; als er weiter auf sie zuging, griff die Polizei ein und setzte Pfefferspray ein. n-tv berichtete von einer Festnahme. Die dpa am selben Abend, übernommen von der Badischen Zeitung, schrieb von zwei Festnahmen. Der SWR berichtete von zwei vorübergehenden Festnahmen. Nach Angaben der Polizei gegenüber dem SWR kommt auf die beiden Festgenommenen eine Anzeige wegen versuchter Körperverletzung zu. Der Veranstalter sagte dem Sender, eine kleine Gruppe sei lautstark Richtung Bühne gedrängt; es habe sich vermutlich um Vertreter der linksextremistischen Antifa gehandelt.

Eine spätere dpa-Meldung vom 4. Oktober, übernommen von der Badischen Zeitung, spricht von drei Festnahmen und davon, dass die Polizei nach eigenen Angaben auch den Schlagstock einsetzte. Dagdelen sagte der Stuttgarter Zeitung laut dieser dpa, es habe schon bedrohlich gewirkt. Nach einer kurzen Unterbrechung ging die Kundgebung nach dem SWR weiter; nach der dpa endete sie anschließend friedlich.

Die Bürgerinitiative Ukraine Demo in Stuttgart wirft dem Aktionsbündnis nach dem SWR vor, den Krieg in der Ukraine nicht als russischen Angriffskrieg zu benennen. Ein Stopp von Sanktionen und Waffenlieferungen ließe nach der Initiative Russland den Krieg fortsetzen und nähme der Ukraine die Mittel zur Verteidigung.