Sonntag, 4. Oktober 2026


Sicherheitspolitik

Merz will der Ukraine in Kiew Tausende Abfangdrohnen zusichern

Der unangekündigte Besuch fällt unter russischen Drohnenalarm. Regierungskreise nennen eine Milliarde Euro aus bereits bewilligten Haushaltsmitteln und weitere 350 Millionen Euro für zerstörte Kraftwerke.

Bundeskanzler Friedrich Merz ist am 4. Oktober 2026 unangekündigt mit einem Sonderzug in Kiew eingetroffen. Wirtschaftsministerin Katherina Reiche und zehn Unternehmer aus Rüstung und Energie reisten mit. Russische Angriffe lösten während des Programms Drohnenalarm in der Hauptstadt aus.

Die Tagesschau berichtet aus Regierungskreisen, Merz wolle den ukrainischen Streitkräften die baldige Auslieferung Tausender Abfangdrohnen zusichern. Die Geräte sollen russische Kampfdrohnen mit Düsenantrieb bekämpfen. Reuters schreibt unter Berufung auf Regierungsvertreter, Merz werde ein Paket ankündigen und eine Vereinbarung zur gemeinsamen Drohnenproduktion abschließen.

Merz sagte bei der Ankunft laut Tagesschau: „Wenn Russland nicht gestoppt wird, richtet sich seine Kriegsmaschinerie früher oder später gegen uns.“ Er sei gereist, „weil die Ukraine für die kommenden Wochen all unsere Unterstützung braucht“. „Bald beginnt für die Menschen der fünfte Kriegswinter. Russland bombardiert Städte, Wohnhäuser und Heizkraftwerke.“ Er werde Präsident Wolodymyr Selenskyj sagen: „Auf unsere Hilfe könnt ihr weiter zählen.“

Politico nennt den Termin einen unangekündigten eintägigen Besuch, den ersten bilateralen Merz-Aufenthalt in Kiew und den zweiten als Kanzler. Die Tagesschau zählt ihn als vierten Besuch eines Bundeskanzlers seit der russischen Invasion im Februar 2022. Olaf Scholz war in seiner Amtszeit zweimal im Kriegsgebiet. Merz fuhr im Mai 2025 vier Tage nach der Vereidigung mit Emmanuel Macron, Keir Starmer und Donald Tusk.

Für die Abfangdrohnen und die gemeinsame Produktion weitreichender Waffen sollen nach denselben Regierungskreisen eine Milliarde Euro aus bereits bewilligten Haushaltsmitteln freigegeben werden. Weitere 350 Millionen Euro sind für Reparatur und Wiederaufbau zerstörter Kraftwerke vorgesehen. Reuters nennt dieselben Summen als Militärhilfe und als Mittel für die Energiewirtschaft.

Die weitreichenden Waffen sollen Nachschublinien hinter der Front in Russland treffen. Reuters schreibt, die Vereinbarung umfasse die gemeinsame Entwicklung und Fertigung von Waffen mit einer Reichweite von mehr als 1000 Kilometern.

Reuters nennt in der Delegation Führungskräfte von Siemens Energy, Hensoldt, Diehl Defence, Quantum Systems und weiteren Firmen. Ein Schwerpunkt der geplanten Vereinbarung sei die rasche Produktion von Abfangdrohnen gegen Jet-Drohnen, die Quantum Systems erprobt habe. Seit dem Sommer setze Russland täglich Dutzende schnelle Jet-Angriffsdrohnen gegen zivile und militärische Infrastruktur ein.

Quantum Systems beschreibt den Abfänger Strila auf der Firmenseite als System gegen schnelle, wendige Luftziele einschließlich Shahed-136 und Shahed-131. Die Höchstgeschwindigkeit gibt das Unternehmen mit 415 Kilometern pro Stunde an, die maximale Flughöhe mit 6000 Metern. In einer Mitteilung vom 23. März 2026 schreibt die Firma, die Sicherheits- und Verteidigungskräfte der Ukraine hätten sie mit der Lieferung von 15.000 Abfangdrohnen an die Nationalgarde beauftragt; die Fertigung von Strila solle mit dem ukrainischen Hersteller WIY Drones hochgefahren werden. Reuters berichtet, Quantum Systems und WIY Drones hätten im April das Gemeinschaftsunternehmen Quantum WIY Industries für Strila und zugehörige Luftverteidigung gegründet. Ob die aus Regierungskreisen genannten Tausende dieser Serie entsprechen, sagen Tagesschau und Reuters nicht.

Die Bundeswehr stellt 2027 das erste Drohnenregiment des Heeres auf. Verteidigungsminister Boris Pistorius hatte den Schritt am 1. Oktober mit dem Gefechtsfeld in der Ukraine begründet.

Bürgermeister Vitali Klitschko teilte nach der Tagesschau, der Welt und Reuters am Morgen auf Telegram mit, die Fahrbahn der Nordbrücke sei getroffen worden, Rettungsdienste seien unterwegs. Trümmer eines abgeschossenen Flugobjekts seien auf das Dach eines Wohnhauses gefallen. Reuters ergänzt, der Einschlag habe auch eine Warmwasserversorgung in der Umgebung beschädigt. Die Stadt hatte am 3. Oktober bereits einen Drohnentreffer auf derselben Brücke gemeldet. Die Besuchsquellen trennen den Schaden vom Vortag nicht als eigenen, neuen Treffer.

Reuters zählt am Sonntagmorgen vier Luftalarme in Kiew, dazu Explosionen und Flugabwehr. In der Region Sumy meldeten Behörden nach Tagesschau und Welt fünf Verletzte nach einer Gleitbombe auf ein Wohnhaus.

Wenige Stunden vor der Ankunft warnte das russische Außenministerium nach der Tagesschau ausländische Besucher und Diplomaten, Kiew zu verlassen und sich von militärischen Objekten und Regierungsgebäuden fernzuhalten. In der Wiedergabe der Tagesschau heißt es, die Verantwortung für nachteilige Folgen liege bei denen, die die Warnung ignorierten. Reuters schreibt, das Ministerium habe Ausländer und Diplomaten davor gewarnt, in der Ukraine zu bleiben oder dorthin zu reisen. Die Welt gibt die Warnung als Hinweis an Europäer vor Reisen und Aufenthalten in der Ukraine wieder.

Am Vormittag empfing Selenskyj den Kanzler. Gemeinsam besuchten sie die bei einem Drohnenangriff getroffene Akademie der Wissenschaften. An der Ruine sagte Merz laut Tagesschau, ein Angriff mitten in der Stadt, wenige hundert Meter von der deutschen Botschaft, und Luftalarm an einem Sonntagmorgen seien „tägliche Kriegsverbrechen“. Er forderte Wladimir Putin auf: „Herr Putin, hören Sie diesen sinnlosen Krieg auf!“ Die Welt gibt denselben Satz wieder. Merz fügte hinzu, man sei bereit, über das Ende des Krieges zu sprechen; die Angriffe auf die Zivilbevölkerung müssten aufhören.