Kushner und Dmitrijew sprachen laut Reuters über einen US-Investor für Nord Stream
Das Weiße Haus sagt, in letzter Zeit habe es keine Gespräche über die Pipelines gegeben. Das Bundeswirtschaftsministerium lehnt eine Wiederinbetriebnahme ab. Der Kreml spricht von Gesprächen über Wirtschaftsprojekte, nennt nach TASS aber keines.
Hochrangige russische und amerikanische Vertreter haben nach einem Exklusivbericht von Reuters über den Einstieg eines US-Investors bei den Nord-Stream-Pipelines gesprochen, darunter der US-Sondergesandte Jared Kushner und der Putin-Berater Kirill Dmitrijew. Die Agentur beruft sich am 8. Oktober 2026 auf fünf mit der Lage vertraute Personen. Das Weiße Haus sagt, in letzter Zeit habe es keine Gespräche über Nord Stream gegeben, und das Bundeswirtschaftsministerium sagt, eine Wiederinbetriebnahme werde von keiner Seite angestrebt. Betroffen wären die deutsche Gasversorgung und die Eigner der Betreibergesellschaft; Polen und das Baltikum lehnen Energiegeschäfte mit Russland nach Reuters ab.
Reuters stützt sich auf Ungenannte. Nach der Darstellung der Agentur trafen sich Kushner und Dmitrijew in den vergangenen Wochen in Moskau und New York. Unklar sei, wie weit sie dort über Nord Stream sprachen, sagten zwei der Personen; das Thema stehe aber weiter auf der Tagesordnung. Ein Vertreter des Weißen Hauses antwortete auf die Frage nach den Pipelines, jedes Geschäft müsse von Russland mit der US International Development Finance Corporation (DFC) und dem Finanzministerium ausgehandelt werden und amerikanischen Steuerzahlern und Unternehmen nützen. Zugleich sagte er, es habe „no Nord Stream discussions recently“ gegeben. Ein US-Beamter hält einen Abschluss angesichts der Hindernisse mittelfristig für unwahrscheinlich. Ein Vertreter Dmitrijews lehnte eine Stellungnahme ab.
Reuters beschreibt die Hindernisse so: Die Leitungen unterliegen Sanktionen der USA und der EU, die einen Neustart rechtswidrig machen. Präsident Donald Trump könnte die amerikanischen Sanktionen aufheben oder lockern, was nach Reuters schwerer würde, wenn die Demokraten bei den Zwischenwahlen des nächsten Monats den Kongress gewinnen. Die Betreibergesellschaft gehört zu 51 Prozent dem russischen Staatskonzern Gazprom, weitere 31 Prozent teilen sich zwei deutsche Gesellschaften, der Rest liegt bei einer französischen und einer niederländischen Firma. Die beiden deutschen Eigner wollen ihre Anteile nach Angabe einer weiteren Person behalten, um Einfluss zu wahren, falls Gazprom verkauft. Vor dem Februar 2022 bezog Deutschland nach Reuters mehr als die Hälfte seines Gases aus Russland.
In Berlin stößt die Aussicht auf Ablehnung. Eine Sprecherin des Bundeswirtschaftsministeriums verwies nach dem deutschen Reuters-Text, den n-tv wiedergibt, auf das 18. EU-Sanktionspaket, das Deutschland ausdrücklich mittrage, und darauf, dass die Abhängigkeit von russischem Gas beendet sei. Eine Inbetriebnahme müsste die Bundesnetzagentur zertifizieren, die Bundesregierung bestätigen und mit den Mitgliedstaaten und der EU-Kommission abstimmen; das werde von keiner Seite angestrebt. Der Grünen-Abgeordnete Michael Kellner, in der früheren Regierung für Energiepolitik zuständig, sagte: „Es droht ein ganz schmutziger Deal zu Lasten Europas.“ Die AfD will die Pipelines dagegen wieder in Betrieb nehmen. Dmitrijew soll nach Reuters Anfang kommenden Jahres die AfD-Führung treffen, um über den Verkauf russischen Gases zu sprechen. Polens politische Führung beobachtet die Gespräche und lehnt sie nach einer Person mit Kenntnis der Haltung der Regierung entschieden ab.
Der Kreml äußert sich allgemeiner. Nach TASS sagte am 9. Oktober Präsidentensprecher Dmitri Peskow auf eine Frage von Vesti, derzeit werde über eine ganze Reihe möglicher Projekte wirtschaftlicher Zusammenarbeit gesprochen, die für beide Seiten vorteilhaft sein könnten. Die Meldung nennt weder Nord Stream noch Lukoil und sagt nicht, worauf sich die Frage bezog. In einer zweiten Meldung vom selben Tag gibt TASS Peskow mit der Aussage wieder, Kushner und Witkoff seien in Moskau jederzeit willkommen.
Der Bericht verbindet die Pipelines mit dem Verkauf von Lukoils Auslandsgeschäft. Kushner und Dmitrijew besprächen auch den Verkauf der Raffinerien, Tankstellen und weiterer Betriebe des Konzerns in Europa und anderswo, sagten zwei andere Personen. Danach würde ein Konsortium aus der DFC und Investoren aus Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten die Werte kaufen, während die US-Behörden Sanktionen aufhöben. Ein Vertreter des Weißen Hauses sagte, Witkoff und Kushner hätten mit der DFC eine erhebliche Vorauszahlung und eine Gewinnbeteiligung für die Vereinigten Staaten ausgehandelt. Lukoil und Gazprom antworteten Reuters nicht. Die Vorgeschichte der Lukoil-Gespräche, den Times-Bericht vom 3. Oktober und die Lizenzlage behandelt der frühere Artikel zu Lukoils Auslandsaktiva.
Zur Lage bei Lukoil meldete TASS am 8. Oktober nach dem Bericht der Lukoil International, die Vereinbarung mit Carlyle sei Ende Juli ausgelaufen, weil die US-Genehmigung fehlte; mit anderen Interessenten werde intensiv verhandelt. Die US-Sanktionsbehörde OFAC erlaubt mit der General License 131J Verhandlungen und bedingte Verträge über die Lukoil International GmbH bis zum 22. Oktober 2026, den Vollzug eines Verkaufs dagegen nicht (Frage 1224).
Zur Diplomatie im Ukraine-Krieg nannte Außenminister Marco Rubio am 8. Oktober eine Verhandlungslösung nach dem Kyiv Independent derzeit unerreichbar. Präsident Wolodymyr Selenskyj entgegnete dem Blatt zufolge, Washington könne nicht zugleich künftige Wirtschaftsprojekte mit Russland besprechen und die Diplomatie als festgefahren bezeichnen; welche Geschäfte gemeint seien, wolle er nicht öffentlich sagen. Am 9. Oktober trifft ein ukrainisches Team in den USA Witkoff und Kushner (Hintergrund).