Freitag, 6. November 2026


AUSSENLAGE

Sicherheitspolitik

Hacker stellen Kühlhäuser einer Oberpfälzer Metzgerei auf bis zu 150 Grad

Der Schaden liegt laut Polizei bei mehreren zehntausend Euro. In Frankreich traf ein Angriff den Blutspendedienst EFS, der nach eigenen Angaben keine Blutprodukte verlor.

Die Angriffe auf vernetzte Kühlanlagen haben eine Metzgerei in der Oberpfalz und den französischen Blutspendedienst EFS getroffen. Unbekannte hätten in der Nacht zum Montag die Fernsteuerung mehrerer Kühlhäuser der Metzgerei im Landkreis Neustadt an der Waldnaab manipuliert und die Temperatur auf bis zu 150 Grad gestellt, teilte das Polizeipräsidium Oberpfalz am Mittwoch mit, wie BR24 berichtet. Der Schaden liegt demnach bei mehreren zehntausend Euro.

Ein IT-Verantwortlicher, der bereits vor Ort war, brachte die Systeme laut Polizei wieder unter Kontrolle. Die Kriminalpolizei Weiden ermittelt wegen des Verdachts der Datenveränderung, der Computersabotage und der Sachbeschädigung. Das Präsidium hält einen Zusammenhang mit den Angriffen auf Kühlsysteme in anderen Ländern Europas für möglich.

Blutspendedienst meldet keine Verluste

In Frankreich hatte das Établissement français du sang am Dienstag in einer Mitteilung bestätigt, dass ein Lieferant seiner Kühltechnik Opfer eines Cyberangriffs wurde. Betroffen waren nach Angaben des EFS Steuerungen von Kühlräumen an drei Standorten, deren Temperatur- und Abtauschwellen auf sehr hohe Werte gesetzt worden seien, berichtet franceinfo am 4. November. In den Räumen lagerten Plasmabeutel für Transfusionen und für die Herstellung von Medikamenten.

Das EFS erklärte laut franceinfo, seine Alarmsysteme hätten die Abweichungen rasch erkannt. Es gebe keine gesundheitlichen Folgen und keinen Verlust von Blutprodukten; die Bestände seien vorsorglich in andere Anlagen gebracht worden. Die Wochenzeitung Le Canard enchaîné hatte den Fall öffentlich gemacht und den Dienstleister Coolworld genannt. Die Kühlräume seien von minus 30 auf 110 Grad umprogrammiert worden, berichtete laut tagesschau.de der Sender BFM.

Coolworld schrieb laut franceinfo am Mittwoch, die Schwachstelle betreffe eine Komponente eines Drittanbieters, und nur eine begrenzte Zahl seiner Geräte sei betroffen. Coolworld erwähnte das EFS laut franceinfo nicht ausdrücklich. Seine Techniker arbeiten nach Angaben des EFS mit der französischen Cyberbehörde Anssi und dem Gesundheitsministerium zusammen.

Stand vom 4. November, morgens

Auch in der Westpfalz sind zwei Betriebe offenbar Ziel von Cyberangriffen auf Kühlanlagen geworden. Betroffen sind ein lebensmittelverarbeitender Betrieb und ein Supermarkt in den Landkreisen Kaiserslautern und Kusel, teilte das Polizeipräsidium Westpfalz am Dienstagnachmittag mit. Die Kühlanlagen seien über einen Fernzugriff so manipuliert worden, dass sie in der Nacht zum Montag vom Kühl- in den Heizbetrieb wechselten. Die Schadenshöhe lasse sich noch nicht beziffern. Die Ermittler prüfen einen Zusammenhang mit den Angriffen auf Supermärkte in Frankreich im Oktober.

EU kündigt gemeinsame Antwort an

Die Behörden der EU sprechen nach Angaben von Kommissionssprecher Thomas Regnier mit den nationalen Stellen über eine gemeinsame Antwort, berichtet Al Jazeera unter Berufung auf AFP und Reuters. Es handle sich nicht um Einzelfälle, sagte Regnier demnach; mögliche Urheber nannte er nicht. Nach Angaben von Behörden und Unternehmen waren laut dem Bericht vier Supermärkte in Deutschland und sechs in Rumänien betroffen; insgesamt sind es mindestens elf europäische Länder.

Der Direktor des rumänischen Direktorats für Cybersicherheit, Dan Cimpean, hält die Angriffe laut Al Jazeera für halbamateurhaft. Einen staatlichen Akteur vermute er unter keinen Umständen, sagte er der Nachrichtenagentur AFP; andere Infrastruktur sei nicht kompromittiert worden.

Stand vom 3. November, abends

Die Welle von Angriffen auf Supermarkt-Kühlanlagen hat Niedersachsen erreicht. Die Zentrale Kriminalinspektion Oldenburg bestätigte dem NDR, dass auch Märkte in dem Bundesland betroffen sind, und ermittelt nach einem Ausfall in einem Edeka-Markt in Lilienthal im Landkreis Osterholz. Dort fielen in der Nacht zum Montag Bedientheken, Kühlhäuser und Tiefkühltruhen aus; statt zu kühlen, erwärmten sie die Ware auf 30 Grad. Der Inhaber bezifferte den Schaden bis Dienstagmittag laut NDR auf 63.000 Euro, Radio Bremen nennt mindestens 63.000 Euro. In einer dpa-Fassung, die etwa die Hamburger Morgenpost verbreitete, sprach der Inhaber dagegen von Waren im Wert von über 360.000 Euro; die aktuelle dpa-Meldung bei der SZ nennt keine Summe mehr. Wurst, Käse, Milch und Tiefkühlprodukte wurden entsorgt.

Der Marktbetreiber führt den Ausfall auf einen Angriff auf die zentrale Steuerung der Kühlanlage zurück. Die Kühltechnikfirma habe für die Anlage einen Fernzugriff über das Internet, sagte er Radio Bremen; das könne das Einfallstor gewesen sein. Laut dpa prüfen die Ermittler auch einen Fall in Diepholz. Die Edeka-Regionalgesellschaft Minden-Hannover meldete dem NDR drei IT-Vorfälle in ihrem Vertriebsgebiet, das von der niederländischen bis an die polnische Grenze reicht.

Angriff über den Wartungsdienstleister

In Wetter-Volmarstein im Ennepe-Ruhr-Kreis richtete sich der eigentliche Angriff nach Angaben der Arbeiterwohlfahrt nicht gegen den von ihr betriebenen Markt, sondern gegen die Firma, die dessen Kühlanlagen aus der Ferne wartet. Das bestätigte eine Bereichsleiterin der Deutschen Presse-Agentur, wie die tagesschau berichtet. Eine Schadenssumme sei dort noch nicht zu beziffern.

Stand vom 3. November, mittags

Nach einem unerlaubten Fernzugriff auf das IT-System eines Verbrauchermarktes im Landkreis Dingolfing-Landau ermittelt das Fachkommissariat für Digitale Forensik Cybercrime der Kriminalpolizeiinspektion Landshut. Es gehe unter anderem um den Verdacht des Ausspähens von Daten und der Datenveränderung, teilte das Polizeipräsidium Niederbayern am Dienstagmorgen in einer Pressemitteilung mit. Unternehmen rät die Polizei, sich beim Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik über Schutzmaßnahmen zu informieren.

Nach Informationen des Bayerischen Rundfunks ist eine Edeka-Filiale in Reisbach im selben Landkreis betroffen; ob es sich um den Fall der Polizei handelt, geht aus deren Mitteilung nicht hervor. In der Filiale seien die Kühlanlagen in der Nacht zum Montag auf Heizen mit 50 Grad umgestellt worden, bestätigte der Markt dem Sender. Große Mengen Lebensmittel mussten demnach entsorgt werden.

Fälle auch in Nordrhein-Westfalen

Der Westdeutsche Rundfunk berichtete nach Angaben des Deutschlandfunks von Angriffen auf Läden in Wuppertal, im Ruhrgebiet und im Münsterland. In Wetter-Volmarstein im Ennepe-Ruhr-Kreis war ein von der Arbeiterwohlfahrt geführter Supermarkt betroffen, wie die zuständige Bereichsleiterin der Deutschen Presse-Agentur bestätigte; dort wurden Kühlregale und Lagerbereiche beeinträchtigt. Die Angriffe richteten sich laut Deutschlandfunk unter anderem gegen Firmen, die Kühlanlagen aus der Ferne warten.

Welle in mehreren Ländern Europas

In den vergangenen Tagen wurden Kühlschränke und Tiefkühltruhen in Supermärkten auch in Belgien, Schweden, Irland, Luxemburg, Estland, Finnland und den Niederlanden aufgeheizt, berichtet der Deutschlandfunk. Der Angriff begann nach Angaben des belgischen Kühlanlageninstallateurs Sabcobel gegenüber der Nachrichtenagentur Belga in der Nacht zum Montag gegen Mitternacht; bei dem Unternehmen waren rund 20 Kühleinheiten betroffen, berichtet der BR. EU-Agrarkommissar Christophe Hansen nannte die Vorfälle laut Deutschlandfunk zutiefst besorgniserregend und sprach von einem bewussten Versuch, die Lebensmittelkette zu stören und das Vertrauen der Verbraucher zu untergraben.

Das Vorgehen gleicht laut BR dem Angriff auf Kühlanlagen französischer Supermärkte vom 12. Oktober (unser Bericht). Das BSI empfiehlt nach Angaben des BR, „aus dem Internet erreichbare Steuerungsanlagen nach dem Stand der Technik abzusichern“, den direkten Zugriff aus dem Internet zu unterbinden und Fernzugänge über VPN und mehrere Faktoren zu schützen.