Dienstag, 13. Oktober 2026


AUSSENLAGE

Geopolitik

Selenskyj beklagt fehlende Vorwarnung vor Raketen auf Kyjiw

Partner hätten nicht vor dem Angriff mit fünf ballistischen Raketen auf Kyjiw gewarnt, schreibt Selenskyj; in Charkiw sterben nach seinen Angaben vier Menschen in einem Wohnhaus. Die Ukraine habe seit Trumps Energie-Waffenruhe keine russischen Raffinerien angegriffen, Russland aber 19 Regionen. Lawrow sagt, Kiew habe keine „Atempause“ verdient.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj wirft den Partnern seines Landes vor, nicht vor dem jüngsten Raketenangriff auf Kyjiw gewarnt zu haben. Es habe einen „besonders niederträchtigen“ Angriff mit fünf ballistischen Raketen auf zivile Infrastruktur in Kyjiw gegeben, schrieb er am Dienstag, dem 13. Oktober 2026, um 11.25 Uhr MESZ auf X. „Leider haben wir von unseren Partnern keine Frühwarnung vor diesem Angriff erhalten.“ Aufklärung über russische Starts ballistischer Raketen rette Leben und sei „eine der wichtigsten Fragen“. Seit Montagabend habe Russland die Ukraine mit mehr als hundert Drohnen, Lenkmunitionen und ballistischen Raketen angegriffen; ein erheblicher Teil sei abgeschossen worden, „aber leider nicht alle“.

In Charkiw sei ein gewöhnliches Wohnhaus zerstört worden, die Rettungskräfte hätten fast die ganze Nacht nach Verschütteten gesucht, schrieb Selenskyj; vier Menschen seien dort getötet worden, allein an einem Abend habe es in der Stadt 41 Verletzte gegeben. Die Ukraine habe in den zwei Tagen seit der von US-Präsident Donald Trump verkündeten Energie-Waffenruhe weder russische Raffinerien noch den Energiesektor überhaupt angegriffen. Russland dagegen habe Energieanlagen und kritische Infrastruktur beschossen, 19 Regionen seien in diesen zwei Tagen getroffen worden. „Die Ukraine ist zu gegenseitigen Schritten der Deeskalation bereit“, schrieb er; dafür brauche es wirksamen Druck auf Russland. Wer Russland direkt oder indirekt unterstütze, die Hilfe für die Ukraine bremse und den Schutz vor ballistischen Raketen erschwere, helfe dem Frieden nicht.

Dass Washington die Weitergabe von Aufklärung gestoppt hat, dafür gibt es keinen Beleg. Nach einem Bericht des Kyiv Independent vom 13. Oktober trafen fünf Raketen vom Typ S-400 die Hauptstadt kurz nach 22 Uhr Ortszeit am 12. Oktober; Sirenen und Warnungen auf Mobiltelefonen kamen erst danach. Mehrere ukrainische und amerikanische Quellen sagten dem Blatt, es gebe keine Entscheidung, die Weitergabe zu beenden; offenbar sei der Start nicht rechtzeitig erkannt oder gemeldet worden. Ein ranghoher ukrainischer Beamter sagte demnach: „Die Amerikaner sagten, sie hätten den Start einfach nicht gesehen.“ Das sei eine schwache Ausrede. Belege für eine bewusste Zurückhaltung der Aufklärung nennt der Bericht nicht.

Außenminister Andrij Sybiha sagte nach dem Kyiv Independent am 13. Oktober, die Zusammenarbeit mit den Amerikanern gehe weiter. Ein Berater Selenskyjs, Serhij Beskrestnow, hatte schon am 12. Oktober geschrieben, es sei nicht das erste Mal, dass die Dienste der Partner einen S-400-Start nicht erfasst hätten; man solle keine voreiligen Schlüsse ziehen. Der Militärforscher Fabian Hoffmann vom Norwegischen Institut für Verteidigungsstudien sagte dem Blatt, die Erkennung laufe vor allem über Infrarotsatelliten; das System sei sehr zuverlässig, aber nicht unfehlbar, etwa bei dichter, ungewöhnlich hoher Bewölkung.

Bei den Zahlen gibt es Abweichungen. Charkiws Gouverneur Oleh Syniehubov hatte am Morgen um 6.04 Uhr MESZ auf Telegram drei Tote unter den Trümmern eines Wohnhauses im Bezirk Cholodnohirskyj gemeldet, in seiner Tagesbilanz drei Tote und 37 Verletzte in der Stadt. Selenskyj nennt Stunden später vier Tote und 41 Verletzte; die Differenz erklärt keine der Quellen. Für Kyjiw meldete die Luftwaffe am Montag gegen 22.10 Uhr Ortszeit nach einem Bericht der Kyiv Post vom 12. Oktober rund sechs ballistische Raketen, Selenskyj spricht von fünf. Die ukrainische Luftwaffe zählte für die Nacht zum Dienstag fünf ballistische Raketen und 117 Drohnen.

Moskau weist eine Feuerpause zurück. Außenminister Sergej Lawrow sagte am Montag nach dem Wortprotokoll des russischen Außenministeriums, Selenskyj wolle Zeit für eine „Atempause“ gewinnen: „Ich glaube nicht, dass er eine Atempause verdient hat. Ich glaube nicht, dass wir noch einmal auf Zusicherungen und Versprechen hereinfallen.“ Ob Moskau einer Waffenruhe für Energieanlagen zugestimmt hat, sagte er weder ja noch nein.

Am Nachmittag kündigte Selenskyj auf X um 16.04 Uhr MESZ Beratungen über „dringende Sicherheits- und Verwaltungsschritte“ für Kyjiw an. Die Hauptstadt liege bei der Umsetzung ihres Resilienzplans hinter fast allen Regionen zurück, selbst Grenz- und Frontgebieten; schon einzelne Treffer von Schahed-Drohnen führten zu Strom- und Wasserausfällen in großen Teilen der Stadt. Er habe mit Vertretern von Sicherheitsbehörden, Wirtschaft und Kommunen gesprochen, darunter Wassyl Maljuk, Iwan Fedorow und Ihor Terechow; Entscheidungen, auch zu Änderungen der Verwaltung Kyjiws, würden vorbereitet.

Die Angriffe der Nacht und die Reaktionen aus Moskau, Washington und Brüssel stehen im Bericht vom Dienstagmorgen; Trumps Ankündigung der Energie-Waffenruhe beschreibt der Bericht vom Sonntagabend.