Samstag, 10. Oktober 2026


Außenlage

Sicherheitspolitik

ISW: Ukrainische Gegenoffensive bei Lyman stoppt Russlands nördliche Zange

Die Flächenangaben zur ukrainischen Gegenoffensive reichen je nach Quelle von 125 bis 176 Quadratkilometern. Der südliche Arm der russischen Zangenbewegung bei Dobropillja besteht nach dem ISW fort.

Das Institute for the Study of War (ISW) in Washington hält Russlands Plan für gescheitert, den Festungsgürtel im ukrainisch kontrollierten Teil des Donbas mit einer Zangenbewegung zu umfassen. In seiner Analyse vom 8. Oktober 2026 schreibt das Institut, die ukrainische Gegenoffensive „Operation Vivaldi“ bei Lyman habe den nördlichen Arm dieser Zange zusammenbrechen lassen. Betroffen sind die Städte Slowjansk und Kramatorsk, die von Norden und Nordosten bedroht waren, und die ukrainischen Truppen, die sie verteidigen. Euronews gab die Analyse am 9. Oktober wieder; Al Jazeera beschrieb am selben Tag den russischen Rückzug in der Region.

Nach dem ISW wollte die russische Armee von Lyman im Norden und von Dobropillja im Südwesten vorstoßen und beide Arme bei Barwinkowe im Gebiet Charkiw verbinden. Ukrainische Truppen seien von Norden entlang der Linie Ridkodub–Nowe–Nowomychajliwka und von Süden entlang der Linie Jarowa–Drobyschewe–Stawky in den russischen Frontvorsprung nördlich und nordwestlich von Lyman eingedrungen und hätten ihn zusammenbrechen lassen. Das Institut folgert, es gebe keinen Grund anzunehmen, dass Russland den Rest des Gebiets Donezk in kurzer Zeit nehmen könne, wie Wladimir Putin es behaupte. Zum Festungsgürtel zählt das ISW Slowjansk, Kramatorsk, Druschkiwka und Kostjantyniwka mit zusammen mehr als 380.000 Einwohnern vor dem Krieg.

Das Urteil gilt dem nördlichen Arm und einem Zeitpunkt. Das ISW schreibt selbst, die Lage bleibe dynamisch und Russland werde sich wahrscheinlich anpassen; ukrainische Truppen hätten den Vorstoß vorerst gestoppt. Bei Dobropillja setze die russische Seite den Angriff mit hoher Intensität fort, um den Festungsgürtel aus dem Südwesten zu umfassen, und in Kostjantyniwka sei sie nach ISW-Beobachtungen bis zum 6. Oktober in 37,88 Prozent der Stadt vorgerückt, ohne sie eingenommen zu haben; Putin hatte die Einnahme schon für den 3. Juli behauptet. Berichte über eine bevorstehende russische Mobilmachung erwähnt das Institut als offene Unbekannte; Putin habe sie bisher nicht angeordnet.

Die Angaben zur befreiten Fläche stammen aus verschiedenen Quellen und messen nicht dasselbe. Der Kommandeur des 3. Armeekorps, Andrij Biletskyj, nannte nach dem ISW am 17., 20. und 28. September 176 Quadratkilometer, die in den ersten drei Phasen der Operation geräumt worden seien; Euronews spricht in seinem Vorspann von bis zu 176. Präsident Wolodymyr Selenskyj bezifferte die Fläche nach Euronews mit 125 bis 140 Quadratkilometern, Stand 3. Oktober. Al Jazeera schreibt ohne Zuschreibung von 175 Quadratkilometern um Lyman in diesem Jahr. Das ISW hält die Operation für erfolgreicher, als die offiziellen ukrainischen Zahlen vermuten lassen, und stützt sich dabei auf Äußerungen russischer Militärblogger. Eine eigene Flächenzahl für Vivaldi nennt es in der Analyse vom 8. Oktober nicht.

Davon zu trennen sind die russischen Geländeverluste im September. Putin hatte am 1. Oktober beim Waldai-Forum gesagt, russische Truppen hätten im September 1.301 Quadratkilometer erobert. Das ISW schätzt in seinem Lagebericht vom 2. Oktober einen russischen Nettoverlust von 80,81 Quadratkilometern; rechne man russische Einsickerungen in Gebiete ein, die Russland nicht kontrolliert, seien es 175,18. Putins Angaben seien „so far from reality as to resemble hallucinations“. Diese 175,18 Quadratkilometer sind keine Vivaldi-Fläche und nicht mit den 175 bei Al Jazeera gleichzusetzen. Nach Euronews hat Putin zudem gesagt, Russland halte 89 Prozent des Gebiets Donezk; das ISW setze höchstens 81 Prozent an.

Die russische Seite widerspricht dem Bild nur teilweise. Der kremlnahe Telegram-Kanal Rybar schrieb nach Al Jazeera am 7. Oktober, russische Truppen verlören Dörfer südlich von Lyman, und ein Sturm auf Slowjansk rücke in die Ferne. Er führte das auch auf voreilige russische Erfolgsmeldungen zurück, die der Ukraine Zeit zur Sammlung von Kräften gegeben hätten. Das russische Verteidigungsministerium meldet in seiner Tagesbilanz auf Telegram, die am 10. Oktober abrufbar war, keine Geländegewinne bei Slowjansk oder Lyman; es spricht von der Vernichtung eingekesselter ukrainischer Verbände in Dobropillja. Das ISW sagt, es habe für eine Einkesselung von Dobropillja keine Belege gesehen, und wirft dem Ministerium vor, Kontrolle über kürzlich befreite Ortschaften zu behaupten. Die Behauptungen des Ministeriums sind Angaben einer Kriegspartei, die Gegenrede ist die Bewertung des ISW; unabhängig überprüft hat die Redaktion keine von beiden.

Der ukrainische Generalstab meldete für den 9. Oktober acht abgewehrte russische Angriffe in Richtung Lyman, einen bei Ozerne in Richtung Slowjansk und keinen in Richtung Kramatorsk; im Abschnitt Pokrowsk, zu dem Dobropillja gehört, zählte er 22 Angriffe, bei Kostjantyniwka 16. Für den 8. Oktober hatte er acht Angriffe bei Lyman, zwei bei Slowjansk und 16 im Abschnitt Pokrowsk genannt. Das sind ukrainische Militärangaben. Sie passen zur Aussage des ISW, dass Russland den Süden des Festungsgürtels vorrangig angreift. Nach Daten des Generalstabs zählte das Institut in Richtung Slowjansk im August im Schnitt 14 Angriffe am Tag, im September fünf.

Für die Zivilbevölkerung bleibt die Lage gefährlich. Nach dem ISW meldete Selenskyj am 8. Oktober einen Gleitbombenangriff auf zwei Busse in Kramatorsk mit mindestens 30 Toten und mindestens 18 Verletzten. Das Institut sieht darin die Fortsetzung einer verstärkten russischen Luftkampagne gegen die Städte des Festungsgürtels, die auch Einwohner zur Flucht bewegen könne; das ist seine Einschätzung. Al Jazeera berichtet von 22 Toten in Pryluky im Gebiet Tschernihiw nach einem russischen Marschflugkörper am 7. Oktober. Die Zahl russischer Verluste im September bezifferte das ukrainische Militär laut Al Jazeera auf 46.230, ein Rekord für 2026; auch das ist eine Angabe einer Kriegspartei.

Dieser Text behandelt die Landfront. Die ukrainischen Schläge auf Ölanlagen in Wolgograd und Samara und die russischen Drohnenangriffe auf die Nordbrücke in Kiew sind eigene Vorgänge. Parallel traf sich eine ukrainische Delegation am 9. und 10. Oktober in den USA mit Gesandten von Präsident Donald Trump, wie der Artikel zu den Verhandlungen mit den USA und den E3 beschreibt.